Medienecho - Ludwig Mathar Eine Probe mag das am besten veranschaulichen und zugleich Beispiel sein von dem ungemeinen Fleiß, mit dem Mathar sich alles bis ins kleinste des Zeitkolorits zu eigen gemacht hat: "Die neue Straße nach Nideggen ist fertig, zwei Karrenspuren breit, vortrefflich fahrbar. Die neue Stadtbrücke ist von Serenissimus Elektor genehmigt und von Meister Michael Sauerbier nebst Pavé und einem Wachthäuschen am Türmchen fest und hoch gewölbt vollendet worden. Das Bürgerhaus ist vom Stadtleyendecker Petrus Scholl mit neuem Schiefer belegt. Neue Bänke und Tische, ein mächtiger Ofen in der Ratsstube sind angeschafft...." Das ist bester, gediegener, deutscher Chronistenstil, keine Gedankenblässe, kein Geschwafel, kurz, knapp, sinnlich, tüchtig. Bei Thomas Mann, dessen bestes Werk ich deshalb nicht etwa herabsetzen will, hatte man doch schon in den Buddenbrooks die Empfindung, daß er sich diesen scheinbaren inneren Reichtum sauer zusammengearbeitet hatte. Über große Erfindungsgabe verfügt dieser meisterhafte Stilist nicht. Mathars Erfindungsgabe hingegen ist unerschöpflich. Es gibt in der Tat kaum eine tote Stelle in diesem fast 500 Seiten starken Roman, hingegen zahlreiche köstliche Kapitel wie namentlich Oelbers Einzug in Monschau, seinen Dienst bei den Preußen auf dem Sparrenberg bei Bielefeld, den Brand von Lennep. Nirgends, mit einer kleinen Ausnahme, nämlich der heimlichen Liebe des Bernhard Schorz von der Knorschelenburg mit der Lieselgustel, der Tochter seines reichen Chefs Troisdorff, irgend etwas Romanhaftes. Alles leibt und lebt in vollster Gegenständlichkeit, namtlich die beiden Kampfhähne, der Troisdorff mit seiner Fabrik im Wiesen– und Oelbers mit seiner nach und nach Weltfirma werdenden Anlage im Rosenthal. Und welche Anzahl Charaktertypen stehen blutvoll vor dem Auge - all die herrischen und duldsamen Frauen, die orthodoxen und liberalen Pastoren, die frömmelnden sektiererischen Weber, die lustigen Wallonen, die Galgenvögel. Und das alles, ohne durch die Fülle an Nebenpersonen je die Haupthandlung im "Türmchen" zu Monschau zu erdrücken. Wenn ich dieses Werk mit einem anderen deutschen Meisterwerk vergleichen sollte, so wäre das Gustav Freytags "Soll und Haben". Aber eins hat dieser neue Dichter von der leider Gottes neuen Grenze vor all den anderen Mitstreitern voraus -  seine unverwüstliche, sieghafte, hinreißende Frische, die, so Gott will, ein Zeichen dafür sein möge, daß im deutschen Bürgertum noch nicht alle Kräfte versiegt sind. Dem Dichter aber ein donnerndes Vivat, crescat, floreat!  (Sonderabdruck aus Deutsche Zeitung, Berlin, 19. September 1923) Home zurück